Der “Sovereign Stack”: Warum Europas Städte Microsoft mit Alternativen ersetzen

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Warum verabschieden sich Städte wie Barcelona, Nantes und Dortmund von Microsoft? Ein Blick auf die architektonische Notwendigkeit digitaler Souveränität und den Aufstieg des europäischen "Sovereign Stack".

Wer die aktuelle Dynamik in der öffentlichen IT verstehen will, darf nicht nur nach Redmond schauen. Von Schleswig-Holstein über Nantes bis Barcelona formiert sich eine paneuropäische Bewegung, die digitale Souveränität nicht mehr als Experiment, sondern als Infrastruktur-Standard definiert.

Als IT-Expertin sehe ich hier keinen „ideologischen Grabenkampf“, sondern eine notwendige Diversifizierung unserer digitalen Lieferketten. Die Abkehr von Microsoft 365 ist das Ergebnis einer nüchternen Risikoanalyse hinsichtlich Governance, Interoperabilität und strategischer Resilienz.

 

Die europäischen Leuchttürme und ihre Strategien

Warum gelingt heute, woran viele Projekte vor zehn Jahren noch scheiterten? Ein Blick auf die Referenzarchitekturen zeigt den Reifegrad:

  • Schleswig-Holstein (Der radikale Switch): Das Bundesland vollzieht den wohl konsequentesten Wechsel für ca. 30.000 Arbeitsplätze. Hier geht es nicht nur um LibreOffice, sondern um den kompletten Stack inklusive Phoenix (Dataport). Das Ziel: Ein webbasierter, modularer Arbeitsplatz, der die Abhängigkeit von proprietären Lizenzmodellen auf Null senkt.

  • Stadt Dortmund (Open Source First): Mit dem Ratsbeschluss „Masterplan Digitale Stadt“ setzt Dortmund konsequent auf Open-Source-Software (OSS). Sie nutzen die OpenCoDE-Plattform, um gemeinsam mit anderen Kommunen Lösungen zu entwickeln, statt das Rad jedes Mal neu zu erfinden.

  • Stadt Nantes, Lyon & Grenoble (Frankreich): Frankreich ist uns bei der strategischen Autonomie oft einen Schritt voraus. Nantes hat bereits vor Jahren auf LibreOffice migriert und spart damit jährlich sechsstellige Beträge, die direkt in die lokale IT-Wertschöpfung fließen.

  • Barcelona (Decidim & Beyond): Barcelona ist das Paradebeispiel für „Technologische Souveränität“. Sie setzen auf radikale Transparenz bei Bürgerbeteiligungsplattformen, um die Datenhoheit bei der Stadtgesellschaft zu belassen.

 

Die technische Quintessenz: Warum jetzt?

Drei technologische Treiber machen den Umstieg heute so valide wie nie zuvor:

  1. Reifegrad der Web-Clients: Dank WebAssembly und moderner Browser-Engines sind Nextcloud Office (Collabora) oder OnlyOffice heute performante Alternativen, die keine lokale Fat-Client-Hölle mehr benötigen.

  2. Containerisierung & Orchestrierung: Mit Kubernetes-basierten Setups lassen sich souveräne Stacks heute automatisiert ausrollen und skalieren – egal ob On-Premise oder in der souveränen Cloud.

  3. Interoperabilität (ODF): Die Akzeptanz des Open Document Formats als ISO-Standard bricht das Dateiformat-Monopol. Wer ODF nativ nutzt, sichert die Langzeitverfügbarkeit seiner Akten – ohne Viewer-Zwang eines US-Konzerns.

 

Der Netzwerk-Effekt: Gemeinsam statt einsam in der Cloud-Abhängigkeit

Warum ist dieser Weg für eine einzelne Kommune oft so schwer, für die Gemeinschaft aber so logisch? Weil digitale Souveränität ein Mannschaftssport ist. Wenn europäische Städte und Gemeinden sich von US-Providern lossagen, schaffen sie einen skalierbaren europäischen Binnenmarkt für Software.

  • Public Money, Public Code: Investitionen in Open-Source-Anpassungen fließen nicht in geschlossene Lizenzmodelle, sondern in Code, der geteilt werden kann. Was Dortmund entwickelt, kann Nantes adaptieren.

  • Gestaltungsmacht durch Masse: Ein Allianz europäischer Kommunen definiert Standards. Wir erleben den Übergang von der Bittsteller-Rolle hin zu einer aktiven Steuerung der digitalen Roadmap.

  • Resilienz durch Solidarität: Unabhängigkeit bedeutet auch, dass wir Sicherheitslücken und Patches in einer vertrauenswürdigen Community lösen können. Dieser neue Zusammenhalt schafft eine technologische Souveränität, die weit über Stadtgrenzen hinausreicht.

 

Fazit: Vom passiven Lizenznehmer zum souveränen Gestalter

Wir verlassen die Ära des passiven Konsums von „Software as a Service“, bei dem wir die Kontrolle über Telemetriedaten und Roadmaps an außereuropäische Monopolisten abgeben. Stattdessen treten wir ein in die Ära der kooperativen Softwareentwicklung zwischen Kommunen.

Echte digitale Souveränität entsteht nicht durch das bloße Ersetzen von Software-Icons, sondern durch den Mut, Infrastruktur wieder als Kernaufgabe des Staates zu begreifen. Wer heute in den „Sovereign Stack“ investiert, kauft keine Software – er kauft die Unabhängigkeit für die nächsten Jahrzehnte.

 

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